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Weser-Kurier, Sonntag 28. Oktober 2001, Nr. 43

Der große Vogel Schütz die Kleinen

Mit dem Flugboot auf Umwelt-Patrouille an Unterweser und Jademündung: Verschmutzter werden wirksam abgeschreckt




Bremen. „Sehen Sie, da unten? Da ham' wer was." Ich beuge mich über die Schulter des Piloten und schaue hinunter. Hinter uns verschwinden Wilhelmshavens Raffinerien im Dunst. Westlich zieht sich die friesische Küste, im Osten sind die Narben des Wattenmeeres zu erkennen - Ebbe im Jadebusen. Ich sehe eine ganze Menge. Herbert Meyer-Freese sieht offenbar noch mehr: „Da unten, das sind Ablagerungen. Ölrückstände, oder irgendetwas Chemisches. In den Prielen kann man es am besten erkennen", krächzt es in meinen Kopfhörern. Wir können uns nur über die kleinen Mikrofone verständigen, die an die Kopfhörer-Bügel gesteckt sind. Der Lärm des Triebwerks übertönt jedes andere Geräusch. Der Pilot ist auf Umweltpatrouille. Im Auftrag des Vereins „Deutsche Küstenwache" hilft er solche Dunkelmänner zu erwischen die meinen, sie könnten ihren Dreck immer noch in die Nordsee kippen. Der große Vogel schützt die kleinen, heißt das Motto. Und die Feriengäste. Meyer-Freese: „Die Urlauber wollen einen sauberen Strand vorfinden, wenn sie hier hoch fahren."

Der große Vogel - das ist ein Flugboot des Wasserflugcenters am Lankenauer Höft. Nichts anderes als ein Boot mit Tragflächen, 200 PS stark und mit spezieller Technik ausgestattet, um den Umweltsündern auf die Spur zu kommen: Einer Apparatur, die dazu dient, die genaue Position einer Verschmutzung festzustellen. Per Funk informiert der Pilot die Überwachungsstelle in Cuxhaven. Dann zückt er seine kleine Digitalkamera. Während er mit einer Hand aus dem Cockpit heraus die Fotos schießt, hält er mit der anderen den Steuerknüppel, doch der große Vogel ist so groß auch wieder nicht und beginnt bedenklich zu schaukeln. Eine Böe hat uns erfasst. Bestimmt sind die Bilder verwackelt.

Potenzielle Umweltverschmutzer werden abgeschreckt: Seit Patrouille geflogen wird, sind die Fälle von illegalem Ableiten von Schadstoffen um 80 Prozent zurückgegangen. Im Juli startete das WeFA-Ballon- und Wasserflugcenter seine Überwachungsflüge über Weser und Nordsee, Elbe und Ostsee - im Auftrag der Deutschen Küstenwache. „ Ich fliege zum Selbstkostenpreis", verrät Meyer-Freese. Der Wettbewerb der Umweltflieger ist hart. Auch die Marine ist unterwegs - mit größeren und technisch besser ausgestatteten Maschinen, die mit ihren Infrarot-Kameas bei jedem Wetter fliegen können. Meyer-Freese geht mit seinem Flugboot nur in die Luft, wenn die Wetterbedingungen einen Sichtflug erlauben.

Sein Einsatz kostet 650 Mark, das ist konkurrenzlos billig. Als gemeinnütziger Verein darf die 1982 gegründete „Deutsche Küstenwacht" auch Spenden entgegennehmen. „Von den Gerichten bekommen wir Überweisungen, wenn Geldstrafen beglichen worden sind", berichtet der 55-Jährige, der seinen ersten Wohnsitz auf der Nordseeinsel Wangerooge hält.

Wir fliegen los am Lankenauer Höft, um 10.56 Uhr. Das Cockpit ist identisch mit der Passagierkabine und kann erst nach einer kleinen Kletterpartie geentert werden. Der Pilot startet die Maschine, die Anzeiger auf den Messgeräten setzen sich zitternd in Bewegung: Drehzahlmesser, Öldruckmesser, Öltemperaturmesser, das Variometer, die Ladedruckanzeige. Ganz gemächlich rollt Albatros II die neun Grad steile, 70 Meter lange und 17 Meter breite Betonpiste hinunter ins Wasser.

Ins Wasser? Es ist ein eigenartiges Gefühl, mit einem Flugzeug in den Fluss zu rutschen. Ich fürchte zu versinken, der Wasserspiegel verläuft knapp oberhalb der Augenhöhe, doch bevor das Flugboot zum U-Boot mutiert, nimmt es Fahrt auf in Richtung Neustädter Hafen. Ganz gemächlich, wie ein richtiges Flugzeug, das zur Startbahn unterwegs ist. Eine kleine Wendeschleife zwischen den Containerfrachtern, und dann: der Start. Über unseren Köpfen kommt das Triebwerk auf Touren, der Albatros bäumt sich auf, die aufgeschäumte Gischt macht sich über die Plexiglasscheibe her. Nach ein paar hundert Metern Schussfahrt durch das Wendebecken erhebt sich das Fluggerät aus dem Wasser und steigt in die Lüfte. Wir folgen dem Lauf der Weser vorbei an den Stahlwerken, lassen die Mündung der Lesum und Lemwerder hinter uns, bis wir bei Elsfleth nach Nordwesten abbiegen. Zwischen Wassergräben grasen die Schwarz-Bunten, Autos ziehen ihre Bahn auf schnurgeraden Straßen. Dann der Zwischenstopp in Wilhelmshaven. Ein Tower, ein paar kleine Hangars, eine Zapfsäule. 160 Liter Treibstoff fasst der Tank. Hochverbleites Benzin. „Das ist bald nicht mehr auf dem Markt, der Motor muss umgerüstet werden", weiß Herbert Meyer-Freese.

Wenige Kilometer nördlich von Wilhelmshaven, nicht weit von Hooksiel: Die Fundstelle. Eigentlich hatten wir viel weiter fliegen wollen, entlang der ostfriesischen Küste, bis hinter Borkum. Doch wenn der Alarmfall eintritt, heißt es sofort: Volle Kraft zurück. „Vielleicht können wir die Verursacher noch erwischen", hofft mein Pilot. Mit Hilfe seines Ortungsgeräts stellt er den Kurs fest, die Kollegen in Cuxhaven machen sich auf den Weg. Doch sie kommen ohne Ergebnis zurück. Klaus Busenhagen vom Zentralen Meldekopf des Küstenwachzentrums Nordsee in Cuxhaven wundert sich: „Wir fanden keinerlei Verschmutzung. Da war nur Schaum aus einem Kraftwerk." Herbert Meyer-Freese ist irritiert. Hat er falschen Alarm geschlagen? Einen solchen Vorwurf möchte er nicht auf sich sitzen lassen. Er fährt mit dem Auto nach Hooksiel, gräbt im Küstenschlamm - und wird fündig: „Die 01-klumpen lagern in meinem Büro."

Für Meyer-Freese sind die Kontrollflüge nur ein Teil seines Geschäfts. Er veranstaltet auch Werbefahrten mit Ballons und Rundflüge über Bremen. Doch das Flugboot, das durch das Wasser prescht, ist zweifellos eine besondere Attraktion. Immer, wenn es startet oder landet, schauen die Menschen, die in der Gegend zu tun haben, auf und wundern sich. Nicht nur, dass ein solch schweres Ding fliegen kann. Jetzt kann es auch noch schwimmen.

Reitergruppe Flammensprung